15.01.2020

Briefmarken

Post verbannt Pressefreiheit in die Nische

Seit 2. Januar verkauft die Deutsche Post AG eine Sonderbriefmarke mit dem Titel "Pressefreiheit". Der Portowert dürfte dafür sorgen, dass außer Briefmarkensammlern kaum jemand die Marke zu Gesicht bekommt.

Ob auch die Chefetage der Post mitbekommen hat, dass die Pressefreiheit in Deutschland unter Druck ist? Dass Journalistinnen und Journalisten immer häufiger beschimpft und bedroht werden? Dass eine im Bundestag und in etlichen Landesparlamenten vertretene Partei Stimmung macht gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und vermeintliche Mainstream-Medien? Das könnte meinen, wer in Postfilialen die Werbung für die neue Sonderbriefmarke "Pressefreiheit" sieht: eine aufbrechende Mauer, durch die sich eine Hand mit einem Mikrofon schiebt. Seit 2. Januar wird sie verkauft.

 

Indes: Es ist gar nicht der Vorstand der Post, der die Themen und Motive der Briefmarken festlegt, sondern das Bundesfinanzministerium. Und die Behörde von Minister Olaf Scholz weist auf ihren Digitalseiten darauf hin, dass sie eigentlich nur das durchführt, was ein Beirat empfiehlt. "Der Programmbeirat macht sich Gedanken über die Themen der Briefmarken, prüft die Anregungen aus der Bevölkerung für neue Briefmarken und stellt eine Vorschlagsliste für die Neuerscheinungen eines Jahres zusammen", heißt es da. Irgendwann steht also fest, mit welchen Themen sich die Marken beschäftigen sollen. Wie sie aussehen, beschließt der Kunstbeirat, nachdem sechs bis acht Grafiker ihre Entwürfe vorgelegt haben. Aha. Briefmarken sind also keine einfache Sache.

 

Dass das Grundrecht der Pressefreiheit nun also plakativ gewürdigt wird, ist gut. Weniger gut ist der Portowert von 95 Cent, der die neue Marke ziert. Denn 95 Cent muss berappen, wer einen sogenannten Kompaktbrief verschicken will, der zwischen 20 und 50 Gramm wiegt. Die Masse der Briefe sind jedoch Standardbriefe zu 80 Cent. Und für die steht aktuell Ludwig van Beethoven als Markenmotiv zur Verfügung. Welcher Wert auf eine Marke gedruckt wird, entscheidet nicht Olaf Scholz, sondern die Deutsche Post.

 

Mit der Aufschrift 95 Cent hat der gelbe Riese die Pressefreiheit in die Nische geschoben. Schade, damit wird eine Chance verpasst.

 

Ein Kommentar von Hendrik Zörner